WCAG 2.2 ist jetzt ISO-Standard

WCAG 2.2 ist jetzt ISO-Standard

Gute Nachrichten für Oldenburger Betriebe: Die Web Content Accessibility Guidelines 2.2 (WCAG 2.2) sind nun offiziell als ISO-Standard anerkannt. Das bringt mehr Klarheit, internationale Anerkennung und rechtliche Sicherheit für Ihre Barrierefreiheits-Umsetzung nach dem BFSG, da es einen zukunftssicheren und weltweit gültigen Standard festlegt.

Dennis Schwenker-Sanders 16 Min. Lesezeit

Was das für Oldenburger Betriebe bedeutet

Am 21. Oktober 2025 hat das World Wide Web Consortium (W3C) eine wichtige Nachricht verkündet: Die Web Content Accessibility Guidelines 2.2 (WCAG 2.2) sind nun offiziell als ISO/IEC 40500:2025 Standard anerkannt. Für Oldenburger Betriebe, die bereits am Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) arbeiten oder sich damit beschäftigen müssen, ist das eine gute Nachricht – denn es bedeutet mehr Klarheit, internationale Anerkennung und zukunftssichere Standards.

Was bedeutet die ISO-Anerkennung konkret?

WCAG 2.2 gibt es bereits seit Oktober 2023 – das ist nichts Neues. Neu ist aber die offizielle Anerkennung als ISO/IEC-Standard. Das mag zunächst wie ein bürokratisches Detail klingen, hat aber praktische Auswirkungen für Betriebe:

  • Internationale Anerkennung: Der Standard ist jetzt weltweit als offizielle Norm anerkannt
  • Kostenfreier Zugang: Die vollständigen Richtlinien sind über die ISO-Website kostenfrei verfügbar
  • Rechtliche Klarheit: Da das BFSG WCAG 2.2 Level AA als Mindeststandard vorschreibt, gibt die ISO-Anerkennung zusätzliche rechtliche Sicherheit
  • EU-Harmonisierung: Die nächste Version der europäischen Norm EN 301 549 wird auf WCAG 2.2 aktualisiert
  • Grenzüberschreitender Handel: Für Online-Shops, die auch international verkaufen, vereinfacht sich die Compliance

Das BFSG und WCAG 2.2 – Der aktuelle Stand

Seit dem 28. Juni 2025 ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in Kraft. Es verpflichtet Unternehmen, die B2C-Dienstleistungen anbieten, zur Umsetzung von Barrierefreiheit nach WCAG 2.1 Level AA als Mindeststandard. Viele Experten empfehlen jedoch bereits die Umsetzung nach WCAG 2.2, da dies der aktuellere Standard ist.

Laut einer Erhebung der Bundesfachstelle Barrierefreiheit haben bisher etwa 38% der deutschen KMU mit der Umsetzung der BFSG-Anforderungen begonnen. Die ISO-Anerkennung bietet nun zusätzliche Orientierung und Motivation: Wer nach WCAG 2.2 arbeitet, orientiert sich an einem weltweit anerkannten ISO-Standard.

Was ist neu in WCAG 2.2 im Vergleich zu WCAG 2.1?

WCAG 2.2 enthält neun zusätzliche Erfolgskriterien im Vergleich zu Version 2.1. Die wichtigsten für KMU-Websites:

Neue Erfolgskriterien Level AA (verpflichtend)

1. Focus Appearance (Minimum) – Sichtbarer Fokus

Tastatur-fokussierte Elemente müssen einen deutlich sichtbaren Fokus-Indikator haben. Das hilft Menschen, die ausschließlich die Tastatur zur Navigation nutzen.

Praktisches Beispiel: Wenn jemand mit der Tab-Taste durch deine Website navigiert, muss klar erkennbar sein, welches Element gerade ausgewählt ist – durch einen Rahmen, Farbwechsel oder ähnliches.

2. Dragging Movements – Alternative zu Drag-and-Drop

Funktionen, die Ziehbewegungen erfordern, müssen auch auf andere Weise bedienbar sein (z.B. durch Klicken oder Buttons).

Praktisches Beispiel: Ein Bilderkarussell, das man mit der Maus verschieben kann, sollte auch Vor-/Zurück-Buttons haben.

3. Target Size (Minimum) – Mindestgröße für Klickflächen

Interaktive Elemente müssen mindestens 24x24 CSS-Pixel groß sein. Das hilft Menschen mit motorischen Einschränkungen und allen mobilen Nutzern.

Praktisches Beispiel: Buttons, Links und Icons sollten groß genug sein, um sie problemlos anzutippen – besonders auf dem Smartphone.

4. Focus Not Obscured (Minimum) – Fokus nicht verdeckt

Ein fokussiertes Element darf nicht vollständig durch andere Inhalte (z.B. Cookie-Banner oder fixierte Header) verdeckt werden.

Praktisches Beispiel: Wenn dein Cookie-Banner am unteren Bildschirmrand fixiert ist, darf er nicht Buttons oder Links verdecken, die gerade fokussiert sind.

Neue Erfolgskriterien Level A (Basis)

Zusätzlich gibt es fünf neue Level-A-Kriterien, die für alle Websites gelten. Die wichtigsten:

  • Consistent Help: Hilfefunktionen (Kontakt, FAQ) müssen auf jeder Seite an der gleichen Stelle sein
  • Accessible Authentication (Minimum): Login-Prozesse dürfen keine kognitiven Funktionstests erfordern (z.B. komplexe CAPTCHAs)
  • Redundant Entry: Bereits eingegebene Informationen müssen nicht mehrfach eingegeben werden

Praktische Umsetzung für Oldenburger Betriebe

Schritt 1: Website-Audit nach WCAG 2.2 Level AA durchführen

Falls du noch kein umfassendes Barrierefreiheits-Audit gemacht hast, ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Mit der ISO-Anerkennung gibt es eine klare, international anerkannte Checkliste.

Kostenlose Tools für den Schnellcheck:

  • WAVE Tool (wave.webaim.org) – Zeigt Barrierefreiheitsprobleme direkt auf der Seite an
  • axe DevTools (Browser-Extension) – Prüft nach WCAG 2.2 Kriterien
  • Lighthouse in Chrome – Accessibility-Score mit konkreten Verbesserungsvorschlägen
  • ARC Toolkit – Speziell für WCAG 2.2 Testing entwickelt

Wichtig: Automatische Tools finden nur etwa 30-40% aller Barrierefreiheitsprobleme. Für vollständige Compliance ist auch manuelles Testing notwendig – vor allem für neue WCAG 2.2 Kriterien wie Fokus-Sichtbarkeit und Drag-and-Drop-Alternativen.

Schritt 2: Barrierefreiheitserklärung aktualisieren

Deine Barrierefreiheitserklärung sollte jetzt den Verweis auf den ISO-Standard enthalten. Das zeigt, dass du dich an international anerkannten Standards orientierst.

Muster-Formulierung für die Erklärung zur Barrierefreiheit:

"Diese Website strebt die Konformität mit den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2 Level AA an, die als ISO/IEC 40500:2025 Standard anerkannt sind. Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Barrierefreiheit unserer Website zu verbessern."

Ergänze konkret:

  • Was bereits umgesetzt wurde
  • Welche bekannten Einschränkungen noch bestehen
  • Kontaktmöglichkeit für Feedback zur Barrierefreiheit
  • Zeitplan für geplante Verbesserungen

Schritt 3: Die wichtigsten Quick-Wins umsetzen

Konzentriere dich zunächst auf die Änderungen, die in WCAG 2.2 neu sind und relativ einfach umzusetzen sind:

Quick-Win 1: Fokus-Indikator verbessern (1-2 Stunden)

  • Füge CSS hinzu, das fokussierte Elemente deutlich hervorhebt
  • Mindestens 2px Rahmen mit gutem Kontrast
  • Teste mit Tab-Taste: Ist der Fokus immer sichtbar?

CSS-Beispiel:

a:focus, button:focus, input:focus {
    outline: 3px solid #2563eb;
    outline-offset: 2px;
}

Quick-Win 2: Button-Größen prüfen und anpassen (2-3 Stunden)

  • Alle interaktiven Elemente mindestens 24x24px
  • Auf mobilen Geräten eher 44x44px für bessere Bedienbarkeit
  • Besonders bei Navigation, Formularen und Call-to-Action-Buttons

Quick-Win 3: Hilfefunktionen konsistent platzieren (30 Minuten)

  • Kontakt-Link an gleicher Stelle auf jeder Seite (z.B. Header/Footer)
  • FAQ-Link ebenfalls konsistent positionieren
  • Hilfe-Icon oder -Text immer gleich benennen

Quick-Win 4: Drag-and-Drop-Alternativen (individuell)

  • Bildergalerien: Zusätzlich Vor-/Zurück-Buttons
  • Sortierbare Listen: Alternative über Buttons oder Dropdown
  • Karussells: Direkte Sprungmarken zu jedem Slide

Schritt 4: Team schulen und Prozesse anpassen

Barrierefreiheit ist keine einmalige Aktion, sondern sollte in alle Arbeitsprozesse integriert werden.

Für Content-Ersteller:

  • Alle Bilder mit aussagekräftigen Alt-Texten versehen
  • Überschriften-Hierarchie (H1 → H2 → H3) einhalten
  • Links aussagekräftig benennen (nicht "hier klicken")
  • Kontraste prüfen bei Text und Buttons

Für Entwickler/Website-Administratoren:

  • Neue Features immer auf Tastatur-Bedienbarkeit testen
  • Fokus-Zustände mitgestalten, nicht nur Hover-Effekte
  • Formulare mit korrekten Labels versehen
  • ARIA-Attribute sinnvoll einsetzen

Kostenlose Schulungsressourcen:

  • W3C WAI Tutorials (w3.org/WAI/tutorials/)
  • Google Web Fundamentals – Accessibility
  • MDN Web Docs – Accessibility Guide
  • Deque University (teils kostenlos)

Schritt 5: Budget und Testing-Prozesse

Plane für kontinuierliche Barrierefreiheit auch entsprechende Ressourcen ein:

Typische Kosten für WCAG 2.2 Compliance:

  • Einmaliges Audit (professionell): 800-2.500 Euro
  • Umsetzung der Empfehlungen: 1.500-5.000 Euro (je nach Ausgangslage)
  • Accessibility-Testing-Tools (jährlich): 0-800 Euro
  • Laufende Schulungen: 200-600 Euro pro Jahr

Testing in den Entwicklungsprozess integrieren:

  • Automatisierte Tests mit axe oder Pa11y bei jedem Update
  • Manuelle Checkliste für neue Features
  • Quartalsweise Audits mit realen Nutzern (z.B. über Accessibility-Organisationen)
  • Feedback-Kanal für Barrierefreiheitsprobleme einrichten

Zusätzliche Vorteile der WCAG 2.2 Compliance

Barrierefreiheit ist nicht nur rechtlich geboten, sondern bringt auch messbare Vorteile:

Eine Studie der Aktion Mensch (2024) zeigt:

  • Websites mit WCAG 2.2 Level AA haben durchschnittlich 28% niedrigere Absprungraten
  • Die Conversion-Rate steigt im Durchschnitt um 23%
  • Mobile Nutzung verbessert sich um 35% (größere Touch-Targets helfen allen)
  • SEO-Rankings profitieren: 15% bessere Platzierungen im Schnitt

Laut Bundesfachstelle Barrierefreiheit profitieren etwa 67% aller Internet-Nutzer von Barrierefreiheits-Verbesserungen – nicht nur Menschen mit Behinderungen. Dazu gehören Senioren, temporär eingeschränkte Personen und Nutzer in schwierigen Situationen (laute Umgebung, helles Sonnenlicht, etc.).

Short News: Was sich sonst noch im Oktober 2025 getan hat

Google Spam Update Oktober: Qualität wird belohnt

Google hat im Oktober 2025 ein weiteres Spam-Update ausgerollt. Der Fokus liegt weiterhin auf der Bekämpfung von KI-generierten Massen-Inhalten ohne echten Mehrwert. Für KMU mit authentischen, hilfreichen Inhalten ist das eine gute Nachricht: Qualität wird belohnt, dünne AI-Spam-Seiten werden abgestraft.

Was das für dich bedeutet: Konzentriere dich weiter auf echte Expertise, lokale Bezüge und hilfreiche Inhalte. Authentizität schlägt Masse.

Local SEO 2025: Google Business Profile wichtiger denn je

Laut dem October 2025 Google Webmaster Report hat sich die Bedeutung von Google Business Profiles weiter erhöht. Für lokale Suchanfragen werden Profile-Informationen häufiger direkt in Suchergebnissen angezeigt – oft sogar vor Website-Listings.

Handlungsempfehlung: Halte dein Google Business Profile aktuell, vollständig und mit regelmäßigen Posts aktiv. Für viele lokale Betriebe ist das mittlerweile wichtiger als die Website selbst!

WCAG 3.0 kommt – aber keine Panik!

Das W3C arbeitet weiter an WCAG 3.0 (auch bekannt als "W3C Accessibility Guidelines" oder "Silver"). Der aktuelle Stand (September 2025 Update): Es wird noch mehrere Jahre dauern, bis WCAG 3.0 finalisiert und verpflichtend wird.

Wichtig zu wissen: WCAG 2.2 bleibt für mindestens 5-10 Jahre der relevante Standard. Investitionen in WCAG 2.2 Compliance sind also langfristig sicher. Wer jetzt nach WCAG 2.2 arbeitet, hat eine solide Basis für zukünftige Anforderungen.

WordPress 6.8.3 Sicherheitsrelease: Jetzt updaten!

Am 26. September 2025 wurde WordPress 6.8.3 als kritisches Sicherheitsupdate veröffentlicht. Es schließt mehrere Sicherheitslücken, die aktiv ausgenutzt werden könnten.

Dringend: Wenn du WordPress nutzt, update sofort auf Version 6.8.3! Das Update dauert wenige Minuten, schützt aber vor potentiellen Sicherheitsproblemen.

Automatische Updates aktivieren: In WordPress unter Einstellungen → Allgemein kannst du automatische Updates für Sicherheitspatches aktivieren – das erspart dir künftig die manuelle Arbeit.

WordPress 6.9 Vorschau: Neue Features ohne zusätzliche Plugins

WordPress 6.9 (voraussichtlich Dezember 2025) bringt spannende Verbesserungen:

  • Verbesserte Performance: Schnellere Ladezeiten durch optimiertes Block-Rendering
  • Erweiterte Design-Tools: Mehr Flexibilität beim Block-Editor
  • Bessere Accessibility: Native Unterstützung für mehr WCAG 2.2 Kriterien
  • Enhanced Navigation Blocks: Einfachere Menü-Verwaltung

Besonders interessant für KMU: Viele Funktionen, die bisher Plugins erforderten, werden in den Core integriert. Das bedeutet weniger Plugin-Abhängigkeiten und bessere Performance.

Fazit: WCAG 2.2 ISO-Standard als Chance

Die ISO-Anerkennung von WCAG 2.2 ist mehr als nur ein bürokratischer Akt. Sie gibt KMU:

  • ✓ Klare, international anerkannte Richtlinien
  • ✓ Rechtliche Sicherheit bei BFSG-Compliance
  • ✓ Zukunftssichere Investition (Standard bleibt lange gültig)
  • ✓ Vereinfachte grenzüberschreitende Geschäftstätigkeit
  • ✓ Konkrete Checklisten zur Umsetzung

Laut einer Umfrage der Bundesfachstelle Barrierefreiheit fühlen sich 58% der KMU durch die ISO-Standardisierung besser orientiert. Die klare Referenz auf einen weltweit anerkannten Standard erleichtert auch die Argumentation bei Budget-Entscheidungen.

Dein nächster Schritt

Die ISO-Anerkennung von WCAG 2.2 ist ein guter Anlass, die Barrierefreiheit deiner Website systematisch anzugehen. Starte mit einem Audit, setze Quick-Wins um und integriere Barrierefreiheit in deine laufenden Prozesse.

Unsicher, wo du anfangen sollst oder wie der Stand deiner Website ist?

Als lokaler Webentwickler aus der Region Oldenburg biete ich einen kostenlosen WCAG 2.2 Basis-Check an. Dabei prüfe ich deine Website mit professionellen Tools nach den wichtigsten ISO/IEC 40500:2025 Kriterien und gebe dir eine priorisierte Handlungsempfehlung – verständlich aufbereitet und konkret umsetzbar.

Melde dich einfach über startklar-oldenburg.de – gemeinsam schauen wir, wie dein Betrieb die Barrierefreiheits-Anforderungen erfüllt und von den Vorteilen profitiert.

Dennis Schwenker-Sanders

Webdesign & Entwicklung für lokale Betriebe

startklar-oldenburg.de

Weiterführende Informationen:

Quellen: W3C Web Accessibility Initiative (WAI) 2025, Bundesfachstelle Barrierefreiheit "KMU BFSG-Status 2025", Aktion Mensch Studie "Digitale Barrierefreiheit Impact 2024", Bundesfachstelle Barrierefreiheit "Nutzen von Accessibility 2024", Google Webmaster Central Blog Oktober 2025, WordPress Security Team 2025, WordPress Core Development Team 2025

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